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Der systemische Blick auf Migration - Refugee Open Cities Reloaded

Aktualisiert: 12. Sept. 2023


Viele Geflüchtete, große Debatten - das erleben wir in Deutschland und Europa nicht zum ersten Mal. Es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein, viel eher stehen wir wieder am Anfang einer langfristigen Entwicklung. 2016 haben wir uns im Rahmen des Open State Kollektivs schon einmal grundlegende Gedanken zum Thema Migration gemacht und ein Projekt initiiert, das aus den gängigen Bewältigungslogiken auszubrechen versucht. Wir nannten es Refugee Open Cities, oder kurz: ROC. Im Zuge der geplanten #Asylreform der EU wollen wir noch einmal reflektieren, was wir aus den Erfahrungen lernen können.


In der aktuellen Debatte geht es um Fragen über Außengrenzen, Auffanglager, Menschenrechte, globale Ungerechtigkeiten und vieles andere. So vielfältig all diese Aspekte sind, Migration wird in der Regel als eigenständiger Phänomenbereich inszeniert, der entsprechend gesondert behandelt werden kann.

Durch solche Vereinfachungen erscheinen Diskussionen plausibel, die darüber streiten, was weiter von der Realität entfernt ist: die Vorstellungen, man könne Migrationsbewegungen regulieren und steuern oder gar verhindern, oder die Forderungen nach offenen Grenzen.

Will man die Orientierung nicht verlieren, hilft - wie so oft - der Blick in die Vergangenheit. Wie das Neanderthal Museum 2017 eindrücklich vor Augen führte, ist Migration die entscheidende Konstante, die seit Millionen von Jahren die Menschheit ungebrochen begleitet.


Ein solcher Perspektivwechsel ist nicht nur deshalb hilfreich, weil er Migration aus einer isolierten Betrachtung befreit und den Weg für die notwendigen Verschränkungen zu anderen Themen öffnet. Er verdeutlicht auch die paradoxe Konstruktion der Sesshaftwerdung, die in der Notwendigkeit von permanenten Grenzüberschreitungen besteht: keine Imperien-, Reichs- und Nationalstaatsgründungen ohne Expansion über die „eigenen Grenzen“ hinweg.


Interessant an dieser Debatte ist auch der oft vergessene Fakt, dass die Bedrohung mobiler Menschengruppen zu Beginn der Industrialisierung und entstehender Nationalstaaten nicht in „Ausländern“, sondern in den „eigenen Arbeitskräften“ der freigesetzten Landbevölkerung gesehen wurde. Und nicht nur England sah in der Auswanderung vieler dieser freigesetzten Arbeitskräfte die Lösung für das Problem.

Übergeordnet stellt sich daher eine grundlegende Frage: Ist menschliches Leben auf lange Sicht gut beraten, sich in territorial, völkisch oder ethnisch geordneten Gesellschaften zu organisieren?


Diese Frage stellt sich insbesondere vor dem Hintergrund, dass menschliches Leben keinen Original- oder Naturzustand sozialer Organisation kennt. Wer etwa kann heute überhaupt noch ernsthaft sicher sein, in (nationalen) Gesellschaften zu leben, wenn der digital-binäre Alltag vom Plattformsozialen dominiert wird? Ist es nicht viel realer, von User:innen zu sprechen als von Bürger:innen? Und sind User:innen nicht infrastrukturell durch das „World Wide Web“ per definitonem in den Netzwerken der Welt zu Hause?


Wir möchten daher anregen, den Geltungsanspruch vermeintlich realer Ordnungen in dem Moment zu hinterfragen, in dem deutlich wird, dass die historisch gewachsenen Ordnungslogiken dysfunktional sind. Und dass dies der Fall ist, dürfte mit Blick auf die Mehrfachkrisen der Gegenwart kaum zur Diskussion stehen - nicht nur beim Thema Migration.


Dysfunktionalität zeigt sich konkret darin, dass keine der Optionen, für die wir uns in einer Situation entscheiden können bzw. müssen, als tragbar erscheint.

Auch wenn sich Ordnungsmuster nicht ad hoc ändern lassen, stellen sie doch ein umkämpftes Terrain dar, das nicht einwandfrei durch eine Instanz - wie eine einzelne Regierung - repräsentiert werden kann. Schon heute verhandeln Nationalstaaten ihre Souveränität konstant in multiplen Spannungsfeldern wie beispielsweise zwischen untergeordneten Regionen und übergeordneten Ordnungsgebilden wie der EU, der UNO oder der NATO. Ordnungen sind durchgehend viel uneindeutiger, als sie uns im Alltag erscheinen.

Diese Uneindeutigkeit von Ordnung, Souveränität und Repräsentation spiegelt sich gerade im Problem wider, Grenzen klar zu definieren. Gewissermaßen besteht der historische Witz global-vernetzter Lebensweisen darin, Grenzen nicht abzuschaffen, sondern sie massiv auszudehnen, sie vom Territorium zu lösen und mit dem Alltagsleben zu verschmelzen. Grenzen werden zu einer Art twilight zone neuer biopolitischer, technologischer und wirtschaftlicher Reallabore, deren Produktivkraft kaum zu unterschätzen sein dürfte. Die parallele Debatte um Migration von Fachkräften vs. Abschottung gegen sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge ist dafür ein gutes Beispiel.


Genau diese Tatsache sollte uns bewegen, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen: Wie könnte eine Zukunft aussehen, in der wir nicht zwischen Übeln wählen müssen, in denen uns Migration nicht als Bedrohung erscheint und Grenzen ein vermeintliches Sicherheitsversprechen darstellen? Und wie kommen wir zu diesen Lösungen und Neuordnungen?


Die Suche nach einer solchen Zukunft erfordert neue Entwurfspraktiken sowie wissenschaftliche und künstlerische Einbildungskraft.

Wir brauchen Experimente, mit denen wir uns Schritt für Schritt einer funktionaleren Ordnung nähern können. Diese Suche entspricht einer Navigation im Nebel, in der wir aber nicht völlig orientierungslos sind. Als Kompass können uns Prinzipien dienen, wie wir sie für ROC allgemein definiert und im verlinkten Toolkit (s.u.) beschrieben haben.


ROC steht entsprechend weder für die Öffnung von Grenzen noch für Abschottung, sondern für den Versuch, die Raum- und Zeitordnung zu verändern. ROC ist keine Antwort auf die Frage, wie wir an den Außengrenzen verfahren wollen. ROC ist ein lokales Beispiel für eine sensible Antwort auf eine Tatsache - dass Migration immer eine Dimension menschlichen Lebens sein wird und unser aktueller Umgang in Notunterkünften eine Loose-Loose-Antwort unserer Gesellschaft darstellt. Denn egal, wo wir im aktuellen politischen Diskurs stehen, fest steht Folgendes:


Deutschland wird wie viele andere Länder der EU auch in diesem und in den nächsten Jahren viele Menschen aufnehmen. Viele dieser Menschen werden dauerhaft bleiben. Die Erfahrungen, die diese Menschen in den ersten Monaten und Jahren machen, werden unser gemeinsames Leben in Deutschland lange prägen.


2016 haben wir uns dieser Tatsache gestellt. Das Ergebnis war ein partizipativer Prozess, den wir im Open State Kollektiv in einer Notunterkunft mit 600 Menschen entwickelt haben. Ziel war die selbstwirksame Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse aller Stakeholder innerhalb und außerhalb der Unterkunft.

Die Erfahrungen hat Open State - und ROC - Mitgründer Sven Stegemann in einem Toolkit gesammelt, das auch heute wieder viele Anregungen für eine gemeinsame Zukunft liefern kann. Es bietet eine umfassende Hilfestellung für Projekte und Teams rund um das Thema Partizipation und lässt sich problemlos auf unterschiedliche Kontexte übertragen. Die Inhalte reichen von Werkzeugen der Selbstorganisation bis zu Finanzierungsstrategien. Das Toolkit steht zum kostenlosen Download auf der Website der Akademie für Transformationsdesign zur Verfügung.


Autoren: Sebastian Sierra Barra und Sven Stegemann

Großen Dank an das gesamte ROC Team!


Prof. Dr. Sebastian Sierra Barra beschäftigt sich mit allen Themen rund um die Entwicklung menschlichen Lebens und trainiert Menschen im Verstehen von Evolution und Komplexität an der Akademie für Transformationsdesign.


Sven Stegemann leitet die Akademie für Transformationsdesign und trainiert Menschen in systemischer Organisationsberatung mit dem Ziel der Gestaltung von Übergangsprozessen im Zuge der großen Transformation unserer Gesellschaft(en). Er ist Mitgründer des Open State Kollektivs und ROC.



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